Leseproben






NOW WHEN I LOOK AT MY TV
THESE ARE THE WORDS I SAY:
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Aljoscha wechselt das Programm und holt den Ton zurück; hier beginnt soeben ein Schwarzweißfilm aus dem Jahre 1942. Zu romantischer Streichermusik mit drohendem Beiklang erscheinen die Worte: Laß keinen sagen, daß du schuldig bist, wenn das, was schön war, jetzt verdorben ist.
Aljoscha löscht das Licht.
IT'S BEEN SO LONG
Es ist die Geschichte einer Frau mit einem gefährlichen Geheimnis. Sie stammt aus Serbien und sie lebt in New York. Sie ist eine Fremde, sie gehörte noch keinem. Sie liebt die Dunkelheit und sie scheint Schatten um sich zu versammeln. Manchmal bilden sich in ihrer Nähe Schattenlinien, die wie Gitterstäbe aussehen und andeuten, daß sie in einem unsichtbaren Käfig lebt. Ihre Einsamkeit ist freiwillig. Denn sie glaubt, mit einem Fluch belegt zu sein. Wehe dem, der ihr Tabu bricht. Ihr Kuß bringt unheiligen Schrecken. Sie weiß, daß sie nicht lieben darf. Sie weiß nicht, daß nur Liebe sie erlöst. Und wenn sie einmal liebt, ist sie anders als die anderen, unvorstellbar anders... sie ist überzeugt, von einem dunklen Geschlecht abzustammen, dessen Frauen in alter Zeit durch teuflische Kulte die Anlage entwickelt haben, sich in Raubkatzen zu verwandeln, sobald heftige Leidenschaft sie erfaßt - grotesker Aberglaube, befindet der Mann, der sich in Irena Dubrovna verliebt.
Aber die Aura dieser seltsamen Schönheit setzt ihm zu: er spürt die sinnliche Wärme und Weichheit eines anschmiegsamen Kätzchens, doch er glaubt nicht an das Ungeheuerliche in ihr. Als er sich dann, verstört von den Ängsten und Nöten dieser Frau, die glaubt, daß etwas einen Zwang auf uns ausübt, dem wir zum Opfer fallen müssen, einer nicht so komplizierten Freundin zuwendet, ist er blind für die Qual des ruhelosen Raubtiers. Abgewiesen, für verrückt erklärt und in ihre Einsamkeit zurückgestoßen, erfährt Irena, wie es wirklich zum Exzeß einer ihrer Leidenschaften kommt: Eifersucht.
Das graue, enggeschnittene Kostüm. Die hauchdünnen Nahtstrümpfe. Hohe Absätze auf dem nächtlichen Asphalt. Aber dann - jemand löscht das Licht, und dann - ist nur noch das Fauchen am Rande des Schwimmbeckens zu hören, hallend durch den Raum, durch die Zeit, Echo des fatalen Fluchs, Generationen und Generationen und die unentzifferbare Wahrheit des Schauerlichen, alles Mögliche heraufbeschwörend, vor allem das Unmögliche. Und jene, die auf die Zeichen treffen, können dem Verstand nicht länger trauen. Sie können nur noch hundert Rätsel zu einer Gewißheit zusammenfügen: "Irenas Parfum... schwer und süß..." - dort, wo eben noch ein schwarzer Panther schlich.
Vielleicht erzählte der Film davon, wie unkontrollierbare Mächte uns treiben. Vielleicht war es ein Film über die Blindheit vor dem wirklich Außerordentlichen. Aber vielleicht handelte er auch einfach davon, wie schwer es ist, jemanden zu finden, der einen wirklich liebt.
Der Film hieß Katzenmenschen.
Am nächsten Morgen, nach Träumen schwer und süß, befindet sich Aljoscha in einem langen Korridor. Das Haupt-Gebäude, die Baukunst des Bewußtseins, muß von unermeßlicher Größe sein.




Er stand vor Hörsaal C, der sich zusehends füllte, stand an die Wand gelehnt, stand im Gemurmel, das wie Stille war, dachte an seinen Traum, dachte an den Fels, von dem es hieß, er würde niemals bröckeln, schaute auf seine Schuhe, und dann dachte er an nichts mehr. Es war der Vormittag des 29. April.
Plötzlich waren Schritte. Sie kamen näher, waren anders, unvorstellbar anders, sie waren nicht wie Korridorgeräusch, sie veränderten Aljoschas Wahrnehmung. Es waren die Schritte einer Frau. Aljoscha starrte auf den Boden und hörte auf den Takt. Es war der Klang von hohen Absätzen. Die Begegnung ist eine Frage des Standpunkts. Das Echo ist eine Frage der Zeit.
Aljoscha starrte noch immer auf den Boden, sah die hohen Absätze, sah die Schritte aus dem Jahre 1942, elektrisiert bis in den letzten Nerv, in schmerzend heller Hörigkeit. Er kannte diese Schritte und erkannte diesen Takt. Er wußte es. Ohne zu wissen, was er wußte.
SEE THESE EYES SO GREEN
Endlich hob er den Blick und sah das Wesen: die Frau hatte Saal C betreten und schickte sich an, die Treppe hinabzusteigen. Sein Blick fiel wieder abwärts, hinab an einer Naht: die Frau trug hauchdünne Nylonstrümpfe. Sie trug ein enggeschnittenes Kostüm. Es war grau.
Eine Sekunde der Kataplexie, und Aljoscha schloß die Augen. Tausend Impulse jagten unkontrolliert durch sein Bewußtsein und machten den Krach von tausend Kollisionen. Allgegenwärtiges Wissen verdichtete sich an einem dunklen Punkt. Sieben Nadeln steckten in einer Wachspuppe. Ein drittes Auge schwebte durch den Korridor. Es überwachte den linearen Verlauf einer kausalen Kettenreaktion. Dominosteine, hochkant aufgestellt zu einer langen Kolonne: sobald der erste Stein kippt, besteht auch für den letzten Stein schon keine andere Möglichkeit mehr, als ebenfalls zu kippen. Die Art von Kausalität jedoch, die Aljoscha gerade heimsuchte, hatte jemand mit einem ziemlich verdächtigen Besenstiel umgerührt.
Aljoscha wußte, daß er der Frau folgen mußte. Er wußte, eine andere Möglichkeit hat nie bestanden. SIE war erschienen. Also mußte er IHR folgen.




Als Aljoscha die Treppe hinabstieg, fühlte er sich wie eine Marionette, die panisch an den eigenen Fäden zieht; sein Gang erschien ihm ruckartig und steif. Auf halbem Weg zu IHR überkam ihn Schauder vor der Realität: sein Abstieg hatte plötzlich etwas gefährlich Definitives. Er erreichte die Unterwelt mit dem Gefühl, etwas definitiv Gefährliches zu tun. Er sah jetzt, daß SIE die graue Kostümjacke ausgezogen hatte. SIE trug eine schlichte weiße Bluse. SIE saß betont aufrecht, und IHRE Haltung schien
IT'S BEEN SO LONG
fast so etwas wie Erwartung auszusprechen... aber hatte SIE ihn überhaupt wahrgenommen, vor einer Minute, als SIE an ihm vorbeigegangen war? Was tat er hier? Zurück, bevor die Welt von Farbe auf Schwarzweiß umschaltete!
Zu spät. Aljoscha, der jetzt kurz zögerte, war in IHRER Nähe angekommen; mit der Geschwindigkeit einer Wolke, die am Mond vorbeizieht, wandte SIE sich ihm zu. Für den zehnten Teil vom zehnten Teil einer Sekunde meinte Aljoscha, in diese Augen nicht zum ersten Mal zu schauen. Wissendes lag in IHREM Blick, und Seltenes; es war, als durchschaute dieser Blick den Zufall, ja, es war, als würde SIE sich lediglich eines Kennzeichens vergewissern, um noch im selben Sekundenbruchteil
JUST BE STILL WITH ME
YOU WOULDN'T BELIEVE WHAT I'VE BEEN THROUGH
vollkommene Geheimhaltung zu verhängen.




Faszination ist ein Wort aus dem Lateinischen, wo es Behexung meinen konnte, oder auch Beschreiung. Einer Faszination unterliegen kann demnach bedeuten, daß man behext wird, oder aber: etwas wird beschrien. Im Sinne von: Beschreie es nicht.
Pjotr durchmaß seine Faszination, bis der noble Mond sich keusch verhüllte hinter Wolkenschleiern. Und Aljoscha hörte Pjotr zu, wie man früher auf den Plätzen den Propheten zuhörte. Und dann zurückging in das Haus, wo wenig Wasser war. Wo ständiges Besorgen keine freie Hand ließ. Aber Wehmut war gekommen in das Haus. Und sie fragte, wo Faszination geblieben sei. Und Aljoscha sprach, daß er sie weggegeben habe. Und Wehmut fragte, wohin weggegeben. Und Aljoscha sprach, daß Faszination an einen Stein gebunden sei und im Meer versenkt, 2000 Faden tief. Und Wehmut fragte: warum so? Und Aljoscha sprach: weil mein Ort auf dieser Erde nur bei Leda ist, und weil ich dies besiegeln wollte. Und Wehmut fragte: wann hast du dies verstanden? Und Aljoscha sprach: als unser Weg schon so lang war, daß er mir schien wie ein heiliger Fluß. Und Wehmut fragte: bist du darum von den anderen so weit entfernt wie eine Nacht in Babylon vom Licht? Und Aljoscha sagte: ja. Und Wehmut fragte: hast du darum diese Augen? Und Aljoscha sagte: ja. Und Wehmut fragte: kehrt sich darum deine Seele ab von allem, was vor deinen Augen ist und nicht Ledas Namen trägt? Und Aljoscha sagte: nein. Und Wehmut fragte: wie also? Und Aljoscha sprach: alles, was vor meinen Augen ist und nicht Ledas Namen trägt, ist wie ein Bild. Und Wehmut fragte: wie ein Bild nur? Und Aljoscha sprach: wie ein Bild nur und sonst nichts. Und Wehmut fragte: von welcher Art ist dieser Makel deiner Augen? Und Aljoscha sprach: daß sie blutleer saugen, das ist der Makel meiner Augen. Und Wehmut fragte: nur in Leda läßt du Blut? Und Aljoscha sagte: ja. Und Wehmut fragte: und bist du Ledas Blut? Und Aljoscha sagte: ich verstehe deine Frage nicht. Und Wehmut fragte: bist du verloren, wenn sie dich verliert? Und Aljoscha sagte: weiß ich denn, was Unbehextseinwollende beschreien?




In Aljoschas kleinem Zimmer fiel Pjotrs Blick auf ein dubioses Arrangement aus geschundenen Pinseln und leeren, verzweifelt sich windenden Ölfarbtuben; andere Tuben wurden von eintrocknenden Farbresten plombiert; auf einer billigen Blechpalette ließen bereits verkrustete Farbschichten auf planlose Exkursionen ins Polychrome schließen, mehrere Pinsel dümpelten ermattet in einem Glas mit trüber Brühe, und das Zentrum dieses hülfesuchenden Durcheinanders bildete ein Stück Kaufhaus-Leinwand, ein besserer Pappdeckel, auf dem Aljoscha sich mit dem genotzüchtigt wirkenden Instrumentarium erprobt hatte. Während Aljoscha im Zimmer ein wenig aufräumte, trat Pjotr an das Corpus delicti heran und unterzog es näherer Prüfung.
"Welch eine Sphinx!"
"Wer? Ach, sie...", sagte Aljoscha um eine Spur zu unbeteiligt, wie jeder Ertappte, der vorgibt, nicht zu wissen, wovon die Rede ist.
"Wer ist das?"
"Wer weiß."
"Diese Dame hat dich in Fesseln geschlagen, das sieht man... erstaunlich, was du da treibst. Ist das eine Allegorie?"
"Ich weiß nicht... ich versuche wohl, etwas einzufangen, dem ich nicht gerecht werden kann."
"Aber man könnte schwören, daß du nah dran bist."
"Nein, ich bin nicht im mindesten nah dran, im Gegenteil."
"Aber du betest sie doch geradezu an!"
"Wirklich, sie ist - kein Grund zur Aufregung. Ich meine, ich verfüge einfach über keine Technik."
"Das ist doch vollkommen belanglos hier. Diese Frau schreitet aus durch eisbedecktes Land. Ihr Antlitz ist das Bild vollkommener Beherrschung, und du denkst, Liebe kann sie nicht verwunden. Vielleicht denkst du, sie nimmt sich anonym, was einer Herrscherin gebührt, und lächelt arktisch, wenn sie wieder geht."
"Pjotr, du bist nicht ganz bei Trost."
"Wann hast du angefangen damit?"
"Vor drei Monaten. Ich hatte das Bild einer Schauspielerin als Vorlage, aber davon hat sie sich schon weit entfernt, inzwischen."
"Das ist nur logisch", meinte Pjotr. "Portraits fordern ihr Eigenleben. Nachahmung, Kopie, das sind sowieso nur Ideen. Es gibt keine Nachahmung. Es gibt gar keine Wirklichkeit, es gibt nur Sicht auf Wirklichkeit. Was also sollte man kopieren? Jedes wahrnehmende Bewußtsein ist wie ein Abflußloch im Objektiven. Es gibt nicht einmal Farbe, es gibt nur Farbempfindung. Was würde wohl van Gogh dazu sagen? Na, van Gogh hätte sicher kein Ohr dafür. Jedenfalls, du kennst den Satz: ‚Der diese Frau gemalt, hat sie geliebt'? Seit drei Monaten, sagst du - hat sie einen Namen?"
"Maria Magdalena."
"Ah? Naja, zumal, wenn man hier sieht, wie sich Offenbarung und Geheimnis abwechseln - oder quasi auch identisch sind." Pjotr zeigte auf das Bein, das aus dem - maltechnisch hemmungslos mißlungenen - Faltenwurf eines schweren Umhangs zum Vorschein kam, da Maria Magdalena sichtlich im Begriff stand, den Schauplatz dieses ganzen Unsinns zu verlassen. Haut so hell wie Alabaster, doch ihr Bein glänzte wie Anthrazit - aus einem hauchzarten Grund.
"Was ich fragen wollte", kam Pjotr auf diesen Grund zu sprechen, "kommen in der Bibel eigentlich Nylonstrümpfe vor?"
"Nein, das Buch bricht vorher ab."




Im hohen Mittelalter hätte Leda an Tapisserien gearbeitet, von früh bis spät und dann von spät bis früh die Fehler anderer Stickerinnen ausbessernd. Ihr Pflichtbewußtsein war aus Erz und Stahl gemacht, wenn auch stets durchsetzt mit einer Spur von Kummer, und manchmal litt sie arg am eigenen Ethos. Wenn sie sich einer Sache widmete, dann mit einzigartiger Hingabe, aber ihr Wille, sich zu widmen, mußte sich stets dagegen wehren, ausgenutzt zu werden; ebenso haßte sie es, sich gleichzeitig verschiedenen Dingen widmen zu müssen. Nicht, daß die Dinge deshalb ihr Unternehmen abgeblasen hätten, Leda das Gefühl zu geben, in einem ständigen Belagerungszustand zu leben.
Diese Belastung wog um so schwerer, als Leda ihren Eindrücken oft zweimal ausgeliefert war, einmal in der Realität und dann kaum weniger intensiv nochmals im Geiste, wo sie durch das unabänderlich Gewordene ging, um es an seinen nicht mehr zur Verfügung stehenden Varianten zu messen. Jeder neue Morgen fand sie noch halb im Gestern, jeder Tag stieß an ein geschlossenes Visier, hinter dem ein zweifelnder Blick nach innen sah.
Dann aber wurde das Visier geöffnet. Dann war da dieses Lächeln: nicht blendend wie eine Sonne, die keinen Schatten mehr wirft, sondern milde Septembersonne, die einen Herbstwald vergoldet. In diesem Lächeln war immer eine Art von überraschter Rückkehr in das, was so war, wie es war. All ihre Freundinnen nannten sie Prinzessin, und all ihre Freundinnen hatten Leda zu Konzessionen an das Irdische verführt.
Leda machte Abendessen zu Stilleben an Earl-Grey-Sonntagen, und wenn man sie nach der höchsten Zahl fragte, die sie kannte, sagte sie: "Einstein." Sie sah gern die kleinen Lämmer gähnen auf dem Deich, wo sie mit Aljoscha oft spazierenging. Sie hielt Aljoscha für ein wenig weltfremd, und Aljoscha hielt die Welt für weltfremd. Sie konnte erschreckend sein, wenn sie widersprach, und sie konnte erschrecken vor Rechtgeben. Einmal hielt sie Aljoscha vor: "Immer, wenn du von einer Frau sagst, sie sei schön, sieht sie ganz anders aus als ich!" Und er sagte, daß er sich nie mit einer anderen Frau die langen Wimpern ihrer Tochter vorstellen wird.




Oder auch nur Laute spielen und den Hals riskieren, wenn man in Gegenwart des dicken Fürsten Verse auf die Fürstin vortrug, nur irgendwo sein, wo noch eine Idee war und nicht nur Hühnerschiß. Was konnte in diesem Jahrhundert einer werden, der sich Lieben und Lernen auf die Fahne geschrieben hätte? Was galt einer, der darin Aufgabe genug sah? Wohin mit einem, der grimmig einen Fuß vor den anderen setzte zwischen Wohnblocks und Kaufhäusern und dabei dachte: Besser, Pferdeknecht zu sein an einem Mädchenpensionat, im Jahre 1900!
Freilich, es hatte diesen einleuchtenden Augenblick gegeben letztes Jahr, als er in Paris war und beim Sonnenuntergang im Jardin du Luxembourg von seinem Buch aufsah, weil es ihm plötzlich so erschien, als sei er eben an sich selbst vorbeigegangen mit den Worten: "Der da sitzt, das ist Aljoscha Tuschkin, der die Philosophie studiert und Leda Geltzer liebt", und ein Glücksgefühl durchströmte ihn, weil alles auf so unfaßbare Weise richtig schien, diese Stadt, der Sonnenuntergang, der Park; das, was alle taten in diesem Park, und das, was er, Aljoscha Tuschkin, in diesem Leben tat.
Während er noch an diesen Glücksmoment dachte, spürte Aljoscha, daß da etwas näher kam aus einem Korridor. Sehr bestimmt und würdevoll, indes sehr langsam. Es war die leere Fülle einer Entität, und sie schien ein Zipperlein zu haben.
"Ähem", machte die Entität. "Hörte ich Lieben und Lernen?"
"Jawohl! Zu lieben lernen und das Lernen lieben! Wissenwollen, Liebenwollen! Nicht wahr, das ist doch Philosophieren?" rief Aljoscha.
"Liebenwollen? Hier in meiner Bibliothek?"
"Sind Sie nicht Herr Cosimo, der große Förderer der Künste? Der es Marsilio Ficino ermöglichte, hier in Florenz eine platonische Akademie zu gründen?"
"Nun ja. Kann sein. Ficino, sagst du?"
"Man hat etwas überaus Bedeutendes herausgefunden, Signore de Medici! Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen davon Mitteilung mache. Philosophie, das heißt doch Liebe zur Weisheit. Und die Götter, Herr von Medici, die Götter philosophieren nicht. Denn sie sind ja weise. Nicht wahr, was soll man da philosophieren? Und die Liebe, was ist das? Besitzenwollen und zugleich das Gegenteil von Besitz. Sie stimmen zu?"
"Si, si", gähnte Cosimo der Alte.
"Die Weisheit ist also bei den Göttern. Das Streben nach Weisheit ist Sache der Menschen. Und die logische Folge daraus ist: alles Philosophieren ist erotisch. Ich weiß, Sie wollen sagen, das ist keineswegs die logische Folge. Gut. Schön. Warten Sie... hier, Platons Symposion! Schlagen Sie es auf, Herr Cosimo, und berauschen Sie sich daran, wie Sokrates der Vorstellung, Eros sei ein Gott, den Wert einer zermatschten Weintraube beimißt. Eros ist kein Gott! Eros ist ein Daimon. Ein Zwischenwesen ganz einfach. Nicht irdisch, nicht göttlich, sondern dazwischenseiend, wissen Sie? Und zwar für immer. Und Eros ist so dazwischen, eben weil er das Göttliche begehrt. Das heißt, wo Eros wirkt, da ist das Irdische unterwegs zum Göttlichen. Das ist brillant, nicht wahr? Wie kann man da widersprechen? Eros strebt, weil er verlangt. Also ist das Streben erotisch! Das ist doch wohl die logische Folge! Wenn Eros uns antreibt, begehren wir Göttliches. Sie wissen das alles, Herr Cosimo, und Sie wissen, welche Macht es ist, die diesen Daimon anzieht. Die Schönheit! Schon in der Sphäre der Ideen, das sagt doch Platon, ist Schönheit die Idee, die glänzt wie keine andere. Ja, daß sie überhaupt glänzt! Wie kann eine Idee glänzen? Sie kann, sie muß! Damit wir uns an sie erinnern, wenn wir die Schönheit treffen, hier im Irdischen! Denn die Schönheit will, daß wir das Göttliche in ihr verlangen. Und nun, wenn wir begriffen haben, mein lieber Vecchio, daß die Schönheit so göttlich wie die Weisheit ist, was dann? Dann ist der ein Philosoph, den das Schöne - ich darf so sagen - erotisiert. Er strebt zum Göttlichen, ganz wie einer, der nach Weisheit strebt. Das hat man herausgefunden! Ist das nicht großartig? Philosophie ist erotisch, und Erotik, Herr Cosimo, ist Philosophie. Und nun erklären Sie mir, warum der große Sokrates behauptet, sein ganzes Wissen über Eros einer Priesterin mit Namen Diotima zu verdanken. Gar nichts soll das nicht sagen! Was für ein Zufall soll das sein, daß die Weisheit weiblich ist? Ist es vielleicht Zufall, daß Eva anfing, mit der Schlange zu verhandeln? Was, frage ich Sie, nimmt Eva aus dem Paradies mit? Einen nicht mehr einholbaren Vorsprung an Autonomie gegenüber diesem Obrigkeitshörigen, diesem Gesetzesfanatiker Adam. Ist es vielleicht auch Zufall, daß die schöne Hypatia, diese glänzende Philosophin aus Alexandria, gesteinigt wurde von einem christlichen Mob? Wie? Und daß Dante von Vergil durch die Hölle geführt wird, von Beatrice aber durch alle neun Sphären des Paradieses, vom Mondhimmel bis zum Kristallhimmel und zur Anschauung des Göttlichen, ist das auch Zufall? Die Frau ist das überlegene Geschlecht, Herr Cosimo, nur glauben das die meisten Frauen nicht. Dabei könnten sie dem albernen Treiben zusehen, als wären sie die Sterne, die alles schon längst wissen... Herr Vecchio, sind Sie noch wach? Hören Sie? Diese Hypatia, das war auch eine glänzende Mathematikerin, und die Schulpreise für Mathematik gingen nur deshalb lange nicht mehr an die Mädchen, weil die keine Lust hatten, gesteinigt zu werden! Aber das versteht sich doch von selbst, daß der stille Waliser den Heiligen Gral gefunden hat und nicht eine stille Waliserin! Oder glauben Sie an die Notwendigkeit, der Vollkommenheit Beine machen zu müssen? Oder eine Taille? Haben Sie gehört, wie Marlene Dietrich sagte: Hello, boys...?"
"Seltsamer Junge", sagte Cosimo der Alte.
Aljoscha stand noch immer auf der Treppe der Laurenziana-Bibliothek. Etwas in ihm lag brach wie sibirisches Land, trotz des Sonnenuntergangs im Jardin du Luxembourg. "Aber wo fehlt's denn bei Ihnen?" schnarrte eine Sachbearbeiterstimme vom Schreibpult der Daseins-Verwaltungs-Angelegenheiten her, eine kleinlaut machende Stimme, der man nur antworten konnte: "Ja, wenn ich das wüßte" und "Bitte die Störung zu entschuldigen".
"Woran denkst du?" fragte Leda.




Man muß im rechten Augenblick vergessen können, so wie man sich im rechten Augenblick erinnern kann. Nur auf dem Wege des Vergessens kann sich die Ankunft des Künftigen vollziehen. Aljoschas Ankunft in B*** vollzog sich kurz vor Mitternacht. Er hatte vor, Pjotr zu besuchen, aber er war offenbar auf dem Wege des Vergessens und kannte sich in der Stadt nicht mehr aus. Er drang vor bis in das Rotlichtviertel, dann fragte er eine der Damen, die am Kreuzweg standen, nach der Richtung, und die Leichtbekleidete gab ihm den Hinweis: "Da lang, nächste links."
"So einfach ist das. Danke."
"Wie wär's vorher mit 'ner Nummer? Von 100 aufwärts geht fast alles."
"Nummern, Zahlen... das wär' was für Pythagoras", sagte Aljoscha.
Aljoscha ging da lang, nächste links, und die Holde, zu deren Dessous es wenig Darüber gab und die ihn angesehen hatte wie den ärmsten aller Narren, rief ihrer Mitschwester zu: "Der muß das erst noch lernen hier!"
Russen sind immer in der Fremde, doch sie wissen: der Weg, den das Weib weist, ist der einzige. Der da sagte: "Frag Weib dreimal, dann tu Gegenteil!", war niemals Russe, allenfalls dem Paß nach, aber Russe zu sein, ist keine Frage der Nationalität; Russe zu sein ist ein Zustand. So wie es Bärtige gibt, die keinen Bart haben, so wie Moby Dick kein Wal ist und Gregor Samsa ein Insekt, so wie man Maler sein kann, ohne zu malen, und außerirdisch, obwohl Erdling; so wie Kolumbus in Indien war und ein chinesischer Weiser 12 Meter groß, so ist man Russe aus innerer Wahrheit. Russisch sein heißt, daß man keine Erscheinung und keine Kontur des Seins für sich bestehen lassen kann, sondern alles mit der Macht der Gefühle überzieht. Russisch sein heißt, unwirklich zu werden vor Ausgeliefertsein an jede Wirklichkeit und ständig das Einwirken feinster Vibrationen zu fühlen, aber nie zu wissen, wie man darauf anspricht. Russisch ist, sich nicht nur peitschen zu lassen für eine Idee, sondern sich dafür auch noch selbst das Hemd vom Leib zu reißen. Russisch sein bedeutet, daß nichts läßt: von Gelassenheit also das Gegenteil. Russisch ist, die Realität unbeschreiblich zu finden, weil alles an ihr etwas suggeriert. Russen haben keinen Common sense, nehmen Kinder ernst und sind die besten Freunde magerer, hungriger Katzen. Russen machen alles noch viel komplizierter, als es ohnehin schon ist, und brauchen viel Musik als Stoff zum Überleben in der Sehnsucht. Russisch sein heißt, Dinge zu verbinden, die andere nicht verbinden, und das Leben sehr wichtig zu finden mit dem Kopf unter der Guillotine. An die eine und einzige Schönheit zu glauben und das Rätsel nicht zu lösen wissen, das für andere nicht einmal vorhanden ist. Russisch sein heißt, alles etwas falsch verstehen. Das ist das Russischste am Russen: er versteht alles etwas anders.




Was ganz nah vor Augen ist, verschwimmt - man kann es nicht mehr deutlich sehen. Der Blick, der die Welt erfaßt, trennt den Sehenden von ihr: Sehen heißt, Distanz zu schaffen und Entfernung. Der Blick bringt zur Strecke. Er gleitet über Außenseiten. Er weiß nichts von der alten Rastafari-Parole Distanziere kein Objekt. Er sieht eine spanische Wand neben der anderen. Jedes Ding hat mehr als eine Seite, mehr als zwei, mehr als die Seiten, die es Phänomen sein lassen, und selbst wenn man unentwegt die Stellung ändert, kann man nicht das ganze Ding, das Ding an sich sehen. Könnte man es, wäre das Ding nicht mehr das Ding, und man selbst wäre nicht mehr man selbst. Man kann es aber nicht, und darum ist Sehen ständiges Nachsehen. Nichts paßt in einen Augenblick, nur eins: ein anderer Augenblick.
Denn Blicke, die sich treffen, setzen Zeit und Dauer und Entfernung außer Kraft: ein exklusiver Stromkreis wird geschlossen, der in der Realität einen Kurzschluß auslöst. Während das Auge die Welt vergeblich zu penetrieren versucht, dringt durch das Ohr die Außenwelt ins Innere, behauptet man; darum sei Hören ein Verschmelzen mit der Welt. Aber, dachte Aljoscha, durch den Lichtstrahl des Augenzaubers gelangt doch auch das Innerste nach außen; also ist der Blick auch Hingabe. Die Pupille, die von Verengerer und Erweiterer verstellte, von der Iris umkränzte Blende, ist auch eine Austrittsstelle, durch die ein Universum hinaus stößt, eine Innenwelt, die sich wie nach einem Urknall ausdehnen will. Im Blau des Auges - wenn die Iris kurzwellige Strahlen besser reflektiert als langwellige - oder im Grün oder im Mandelbraun erscheint ein Lebenslauf, als würde Seele schimmern auf der Netzhaut. Träume, Hoffnungen, Enttäuschungen, Erinnerung, Verlangen, Warnung, Hilferufe: jedes Auge leugnet, von tief innen her, das unsäglich banale Urteil. Die Augen sind die Wunden auf der Haut der Welt. Das Auge ist der ganze Mensch, nur darum funktioniert der böse Blick - vorgestellte Inbesitznahme.
Der Blick ist nicht nur Wahrnehmung, er ist auch Wahrgebung, nicht nur Aufnahme, sondern auch Abgabe von Realität. Zwei Menschen, die sich ansehen, wirklich ansehen, dringen ineinander ein, schließen die Umgebung aus wie bei einem Liebesakt und liefern sich einander völlig aus. Wer blickt, ist nicht nur Voyeur, er ist auch Exhibitionist. Erblickt zu werden mag Scham verursachen, zugleich aber ist man sehend schamlos. Nicht etwa, weil der Blick entkleidet, Rundungen umrundet oder sich an einen Rocksaum heftet. Sondern, weil es sich beim Sehen überhaupt um etwas handelt, das plötzlichem Mantelaufreißen durchaus gleicht: ich blicke, also offenbare ich mich.
Sehr recht hatte Pjotr. Es kommt darauf an, wie man vor die Sphinx tritt.




Zusammen und doch getrennt waren sie dann in Ledas Zimmer, das von herbstlichem Sonnenlicht in Mattgold und Verzicht getaucht wurde, und kein Wort war zarte Anspielung; sie sprachen, als hätten sie Eisenmasken vor dem Gesicht. Im Hintergrund sang Nick Cave, der Herzausreißer.




Es war der 3. Oktober. Aljoscha begehrte zu erfahren, was aus der Bestellung jener Schachtel geworden war, die er Leda zum Geburtstag hatte schenken wollen, und begab sich um die Mittagsstunde zum Geschäft Schachtjor & Wostvich, wo sich eine Dame des Problems annahm.
"Wie ist Ihr Name, bitte?"
"Tuschkin."
"Einen Augenblick, Herr Tuschkin. Ich werde nachsehen."
Aljoscha wartete und
I REMEMBER HOW THEY USED TO STARE AT THE GROUND
schaute auf seine Schuhe. Steckte die Hände in die Hosentaschen und kratzte mit der Schuhspitze auf dem Parkett herum. Und dann stand plötzlich das Wasser bis zum Hals.
Der Klang von hohen Absätzen. Schritte einer Frau, die sich niemals umdreht. Aljoscha erkannte sie. Für diesen Takt hatte er das absolute Gehör. Durch den Laden schritt die Katzenmenschenfrau, die Sphinx, die mysteriöse Schöne, die an den Rembrandt-Tagen im Saal C seine ewige Wiederkehr beobachtet hatte. Das heißt, hatte SIE? Oh Jesus. SIE ging, als hätte SIE nicht viel dagegen, wenn am Karfreitag eine Kirche brennt. SIE kam auf ihn zu. Er schaute wieder zu Boden. Und dann ließ er seinen Blick nicht langsam aufwärtsgleiten, sondern feuerte ihn ab
AND WE'D SING DA-DA DA-DA-DA-DA DUM DUM DAY
wie ein Geschoß. Fast unmerklich hob SIE die Augenbrauen und gab Erkennen zu erkennen. Trotz IHRES entschlossenen Schrittes war in IHREM Blick ein Anflug von Verwirrung, wenn nicht Erschrecken - mit eigenen Augen bat Aljoscha um Verzeihung, falls sein Blickgeschoß IHR einen Schock versetzt hatte, mit eigenen Augen sah er, daß SIE die Entschuldigung annahm. Sogleich wich das Erschrecken - das gewiß nur fürchtete, daß man es bemerkte - wieder vollkommener Beherrschtheit. Nichts anderes würde jetzt passieren, als daß La Belle Dame ihn kühl und streng passierte, sans merci, ohne IHREN Gang zu verlangsamen, ohne ein Zögern, das ihm gegolten hätte. Und es passierte, als könne nichts und niemand sich in IHRE inneren Angelegenheiten mischen, als verließe SIE gelangweilt den Zirkus der gequälten Seelen, unterwegs, den Untergang des Hauses Luzifer herbeizuführen.
Er sah IHR nach, gebannt noch von den Lichtblitzen in IHREN Augen, von IHREM Blick, in dem These und Antithese lagen, Interesse und Gleichgültigkeit, Neigung und Unerbittlichkeit, Gunst und Grausamkeit. Auf welch Synthese war dies aus? Was schenkte dieser Blick? Hundert Rätsel und eine Gewißheit: er hatte existiert darin.
Er blickte erneut zu Boden, wohl eine halbe Minute, um IHR, falls SIE ihn über das Gestell mit den Aquarell- und Zeichenblöcken hinweg musterte, zu bedeuten, daß durch IHR Erscheinen Schachtjor & Wostvich und überhaupt der ganze bewohnte Teil der Galaxis für ihn zur Banalität geworden war, Nippelkram, des Hinsehens nicht wert.
Herr! Laß Nachsicht walten!
Er zählte bis Sieben, dann mußte er seine Augen wieder mit IHREM Anblick füllen - und fast zeitgleich schenkte SIE ihm einen Augenaufschlag, in dem die Rosen sich für ihre Dornen schämten. Daß er nie mehr fürchten mußte, von IHR nicht gekannt zu werden, war es das, was SIE ihm nachsichtig bestätigte? Zurück auf Gottes Meisterplan rief die Verkäuferin mit weithin schallender Stimme:
"Herr Tuschkin?"
"Hier!"
"Ich habe nachgesehen!"
Ich habe nachgesehen, dachte Aljoscha, als er Schachtjor & Wostvich verließ mit der Gewißheit, daß die Katzenmenschenfrau jetzt seinen Nachnamen kannte.




Ein Saufaus namens Aristophanes, wohnhaft in einer Zeit ohne Nachnamen, streute bei einem Symposion das Gerücht, die Menschheit habe ehedem aus Kugelwesen bestanden, was an sich eher geschuckt klingt und nicht dazu geeignet, die herrschende Meinung über Philosophen irgendwie zu ändern, aber mit einer homöopathischen Dosis gutem Willen wird man die Kugel als ideale Form wohl anerkennen können. Diese Kugelwesen also, behauptet Aristophanes, wurden sämtlich in zwei Hälften gespalten, was deutlich nach dem Schnickschnack aussieht, mit dem göttliche Mächte sich allenthalben zu beschäftigen scheinen: das Universum krümmen, eine Lichtgeschwindigkeits-Begrenzung festsetzen, 100 Sekunden nach dem Urknall die Temperatur auf 1 Milliarde Grad Celsius fallen lassen, warum also nicht Kugelwesen spalten. Jede Hälfte sucht nun auf Erden ihr Pendant, und so gaben die Götter den Menschen Sehnsucht, Liebe und Verlangen. Eine akzeptable Theorie, wäre nicht besagter Aristophanes Komödiendichter gewesen.




Aljoscha kannte IHREN Namen nicht, doch er kannte SIE, erkannte SIE, sie erkannten sich, buchstäblich und nicht im biblischen Sinne. Niemand hätte Zeuge sein können, niemand hätte vermutet, daß die kaum merkliche Regung auf dem Gesicht der jungen Frau in Verbindung stand mit dem flüchtigen Blick des jungen Mannes, der gute fünf Meter von IHR entfernt stehenblieb, weil eine Eingebung oder eine Erinnerung oder die Stimme der Isis ihm sagte, daß er nicht zu weit gehen durfte, buchstäblich und in jedem anderen Sinne.
Seine Sinne gerieten in kompletten Aufruhr, seine Nervenbahnen glichen den Straßen von Kalkutta, wildes unverständliches aufgeregtes Gestikulieren im Gangesdelta seines ZNS, Aljoscha vertiefte sich in sein Buch und verstand von dem, was er da las, kein Wort mehr. Er starrte auf die Zeilen, aber seine Augen gehorchten einer technischen Störung. Aljoscha stand auf dem Bahnsteig von Wolchonka mit einer Wahrnehmung, die auf einen Punkt im All fokussiert war, der fünf Meter links von ihm lag, nur noch auf das reagierend, was da zu empfangen war. Und es war da, um empfangen zu werden. Die Erregungsübertragung in seinen Synapsen randalierte, als wollte sie verhaftet werden. Er stand völlig still, und sein Inneres tanzte einen Veitstanz.
Mit überlegener Noblesse hatte SIE sich im Hintergrund gehalten, nahe bei den Schaukästen mit den Fahrplänen. Als eine Minute verstrichen war, maß der Abstand zwischen IHR und ihm jedoch nicht mehr die ursprünglichen fünf Meter. Die Distanz verringerte sich, ohne daß Aljoscha sich von der Stelle rührte. Teile, addiere, multipliziere und verstehe.
Immer mehr Menschen drängten auf den Bahnsteig und schoben sich, ohne es zu merken, in einen Strahl allerfeinster Teilchen, in den durch beschleunigten Herzschlag aufgeladenen Ionensturm zwischen zwei scheinbar unbeteiligten Menschen, aber nichts und niemand unterbrach Aljoscha beim Empfinden jener Macht zu seiner Linken. IHRE Nähe beschlich ihn panthergleich, und Aljoscha ahnte, welche Veränderung jetzt heraufbeschworen wurde. Diese Ahnung war es, die ihn beinahe niedersinken ließ. Er hätte jetzt nur noch den Arm ausstrecken müssen, um SIE zu berühren. Mit überlegener Noblesse hatte SIE sich im Hintergrund gehalten, um alle Fahrpläne außer Kraft zu setzen.
Er sah er SIE an, mit einer Frage in den Augen. SIE erwiderte den Blick, kurz und knapp, aber mit einer Antwort in den Augen. Es war, als hätte jemand Schach geboten.
Langsam rollte die Metro nach Putjagora ein. Aljoscha ließ sein Buch verschwinden, und SIE, bei Isis, ließ erkennen, daß SIE mit ihm einsteigen und nicht von seiner Seite weichen würde. SIE änderte die Spielregeln. Er steuerte wie in Trance auf eine der Metrotüren zu, vor denen sich Menschenmengen stauten. Das Einsteigen zog sich hin... Aljoscha spürte, mit welch mathematischer Präzision dieses Zeitlupentempo auf etwas zulief, das seine Kräfte überstieg - im allerletzten Augenblick floh Aljoscha aus IHREM Bann und bestieg den Metrowaggon durch eine andere Tür. Solch abrupter Richtungsänderung konnte SIE nicht folgen, würde SIE nicht folgen - und SIE folgte nicht.
Als die Metro sich in Bewegung setzte, fand Aljoscha seine Fassung wieder. Er dachte die Gedanken, die Deserteure eben denken. SIE mußte sich irgendwo in diesem langen Waggon befinden, in dem etwa ein Viertel der Weltbevölkerung enerviert aus der Wäsche schaute. Noch vor zwei Minuten hätte Aljoscha überhaupt darauf gesetzt, daß SIE die Metro nehmen würde, die durch die noblen Stadtteile in Richtung Belonosko fuhr. Die bourgeoise Metro. Die Putjagora-Metro war die Metro des Proletariats. Die Wege des Herrn, nur halb so unergründlich wie die der Herrin. Aber wenn man es genau betrachtete, hätte die bourgeoise Metro ebensowenig zu IHR gepaßt. Was hätte überhaupt zu IHR gepaßt? Vielleicht eine Petersburger Troika auf einem zugefrorenen See, weiße Pferde links und rechts und ein schwarzes in der Mitte.
Woroprod, die erste Station, und wer starrte so gebannt aus dem verschmutzten Fenster wie Aljoscha? SIE war nicht ausgestiegen. Eine Metro voll eschatologischer Erwartung rollte weiter durch den trüben Winterabend.
Dobropol, die nächste Station. "Nicht hier! Das geht nicht!" dachte Aljoscha - SIE war ausgestiegen. Auf der anderen Seite der schmutzigen Glasscheibe sah er die Katzenmenschenfrau mit eiligen Schritten entschwinden, hier, schon, warum denn ausgerechnet hier? Dobropol? Unfaßbar. Unmöglich. Dobropol. Ha.

Ozeane von Bildern und Gedanken überfluteten Aljoscha in dieser Nacht, kein Damm hielt stand, das war der Untergang, wie süß! Seit Stunden ging das so, und anders ging es nicht. Der Himmel wird brechen, weiß eine orientalische Sage, es sei denn, der Dicke, der Unendlich Dicke, schluckt jeden Tag eine Murmel. Aljoscha betrachtete die Sterne und fragte sich, ob sie wohl günstig standen oder ungünstig, jedenfalls standen sie, blinkend wie Tigeraugen im Dschungel, und sie hatten etwas vor. Scheinbar lag der Kosmos immer noch an dem Ort, von dem man wußte, daß er da lag. Wenn in dieser Nacht kein Vollmond schien, war es ein Versehen.




Derweil geschah alles Kantische Geschehen nach Gesetzen, die er minuziös geregelt hatte. Kant war ein so präziser Spaziergänger, daß die Königsberger ihre Uhren nach ihm stellten. Welch immense Verantwortung. Hätte Kant nur einmal nach Hause zurückeilen müssen, weil er seinen Stock vergessen hatte, wäre die Zeit aus den Fugen geraten. Man hätte Immanuel Kant vor dem Fenster gesehen und sich gesagt, potzblitz, die Uhr geht vor, weil Kant um 17 Uhr 34 erschien; da man aber wußte, daß Immanuel Kant jeden Abend um 17 Uhr 33 am Fenster vorbeigeht, hätte man den Zeiger von 34 auf 33 zurückgedreht. Wenn Kant am nächsten Tag pünktlich um 17 Uhr 33 erschienen wäre, hätte die Uhr aber erst 17 Uhr 32 gezeigt. Man hätte zu seiner Frau gesagt, potzblitz, Charlotte, gestern habe ich am Zeiger der Uhr gedreht, und jetzt braucht er für 24 Stunden ja 24 Stunden und 1 Minute. Und Charlotte hätte gesagt, ach Wilhelm, du bist immer so ungeschickt.
Kant hat keine zwei Füße aus der Stadt heraus gesetzt und witterte in jeder Veränderung den Winter eines Mißvergnügens. Das denkende Immunsystem namens Immanuel hielt sich, leicht vorgebeugt vor lauter Vorbeugung, weitab jeder Erschütterung durch die freien Radikale des Unvorhersehbaren.
Aber was war es denn mit Kant?




SIE hatte sich in seine Träume geschlichen in einer der Nächte
SEVEN LONG NIGHTS TO THINK
zwischen Dienstag und Dienstag, lautlos und so, wie der Gott seiner Träume SIE erschaffen hatte, badend wie eine Tochter des Neptun, jedoch nicht unter freiem Himmel, sondern in einem Schwimmbecken. Ein Schwimmbecken, wie es in einer Sequenz des Filmes Katzenmenschen vorkommt. Aber niemand löschte wie im Film das Licht, kein Fauchen zerriß die Stille, Aljoscha schwamm einfach neben IHR im Wasser, ohne jede Anstrengung, zwischen ihnen hundert Andeutungen, und er dachte: Das Becken ist das Gefäß der Liebe.
Mancher hat ein Traumland, das er Nacht für Nacht durchwandert, im Wachen nie gesehene Gestaltungen, stets aufs neue reproduziert, wie Gedächtnisrelikte eines früheren Daseins. Jeder hat im Traumreich seine eigenen Archetypen. Und die unergründliche Regie der Nachtseele ergötzt sich an unbegreiflichen Konstanten und merkwürdigen Apotheosen. Iris, ein Mädchen aus Aljoschas Schule - sie hatte ihm einmal nach der letzten Stunde einen langen Kuß und unruhige Zärtlichkeiten erlaubt -, residierte unanfechtbar als Liebesgöttin in seinem Traumuniversum, obwohl er die wirkliche Iris schon längst nicht mehr sah und nicht einmal mehr an sie dachte. Wenn er von Iris geträumt hatte, wachte er gesegnet auf. Gefährtin, Führerin, Verführerin, Fingerzeig aufs Schicksal, Erlöserin, Fatale und Totale, Irre und Wirre, Weise, Naseweise, Fesselnde, Entfesselnde, Besänftigende, Rasendmachende, Märchenhafte und Mirakel, Gedankenvolle, Geneigte und Genaugenommene, Dominierende, Dolmetscherin und Dame, Zärtliche, Zähe, Zielbewußte und Zerzauste, Elegante, Ernste, Erregende, Erlaubende, Erhebende, Bestechende, Bewußte, Beflügelnde, Blatt-vom-Mund-Nehmende, Verbessernde, Vernünftige und Verrückte, verblüffend, verwundert und verträumt, hemmungslos, humanisierend, heilkräftig und herb, trotzig, tonangebend und tiefblickend, kräftigend, entkräftend, infernalisch, intensiv und ohne ihresgleichen, ruhend, revoltierend, radikalisierend, kurz das Weibliche in jeder Hinsicht war Iris, die sich's nicht hätte träumen lassen, in Aljoschas Träumen.
So wie das Becken in jeder Hinsicht das Gefäß der Liebe war. Aljoscha war nicht mit der Liebesgöttin Iris in das Traumwasser des Schwimmbeckens getaucht; er verstand, er verstand. Das Schwimmbecken war 2000 Faden tief. Aljoscha sah den Grund. Leda beklagte sich manchmal: "Warum träumst du eigentlich nie von mir?", und Aljoscha antwortete: "Aber ich träume ja von dir", denn schließlich ist auch abstruse Archetypenwahl nur Archetypenwahl.
Es war fast 15 Uhr 45, und daß Aljoscha die letzte Vorlesung des Dienstags absaß wie im Mastkorb eines Schoners, lag eben daran, daß nicht Iris im Traum erschienen war. Die Katzenmenschenfrau hatte bewirkt, was Leda zu bewirken wünschte: SIE hatte seine Archetypen abgesetzt und seinen alten Traumkult vernichtet.
Es war der siebte Tag. Aljoscha beeilte sich. "Sie ist vor mir in Wolchonka gewesen letzten Dienstag", dachte er einen Denkfehler, denn es war ebensogut möglich, daß SIE am letzten Dienstag mit derselben Metro von Damtorsk nach Wolchonka gefahren war wie er selbst, daß SIE nur schon in Damtorsk am anderen Ende des Zuges eingestiegen war (um dann in Wolchonka am anderen Ende des Bahnsteiges auf ihn zu warten) (und ihn zu sich zu rufen) (durch psychomagnetische Deklination) (und es war um die sechste Stunde und Jesus traf die Frau am Brunnen und sie sagte, Herr, du hast nichts, womit du schöpfest und der Brunnen ist tief).
Aljoscha beeilte sich. Er hielt einfach mit der Menge Schritt, die es fast immer eilig hat, bei Kälte ganz besonders. Seinetwegen hätte die Menge auch anfangen können, zur Damtorsk-Station zu traben oder zu hopsen, er hätte alles mitgemacht, was seine Hochspannung ein wenig gelöst hätte. Andererseits durfte er das Schicksal auch nicht zu sehr herausfordern. Er und mit ihm alles andere mußte den normalsten Gang gehen. Wenn nur keine Hexe hinter ihm war! Russische Hexen gehen nämlich hinter ihrem Opfer her und imitieren seinen Gang; wenn Hexengang und Opfergang in völliger Übereinstimmung sind, läßt sich die Hexe fallen...




Verhindert ewig, o ihr Weltenlenker, daß dem Auge eines Todgeweihten, dessen Blick schon bricht, als letzter Anblick eine Frau erscheint, die einfach nur vorbeigeht. Verhindert, wenn der Arme nicht verdammt sein soll, daß sein letzter Blick den Schritten einer Dame folgt, die zufällig des Weges kommt. Man sagt, des Todes Schrecken ist einzig und allein das Nichts, aber hol's der Teufel, wenn dieses Nichts nicht fein gestaffelt ist! Wenn endgültig genug geschrammelt ist nach schönen Augenblicken und die Stunde dräut, da wir zu den Dingen kommen, die da harren; wenn man nicht mehr sieht, wie hoch man schon gestiegen war, sondern nur, wie tief der Fall sein wird; fängt dann nicht sogar der Hartgesottene an, die Nichtse zu sortieren? Und ist's nicht eins der schlimmsten Nichtse, wenn nichts mehr auf die Netzhaut geht? Das kann man so und so sehen? Noch. Da liegt der Hase ja im Pfeffer. Aber wenn kein Hase und kein Pfeffer mehr zu sehen ist, kein neuer Morgenhimmel mehr, der sich rötet wie die Wangen einer Braut? Wenn man nicht mal mehr die Hand vor Augen sieht, kann man sich das vor Augen halten? Eben nicht. In dieses Nichts zu müssen, das ist arg; und darum, mächt'ge Richter, verschlimmert nicht den Abschied tausendfach - laßt ab vom Wack'ren, der seine Seele schon verröchelt; laßt nicht sein letztes Bild, bevor der Große Wandler kommt, das Wandeln eines Weibes sein.
Nur die Frau hat einen Gang. Der Mann geht, weil er gehen muß, er ist immer unterwegs von A nach B, sein Gehen ist rein funktional und ohne Lust, es hat nichts Metaphysisches und gleichsam Schwebendes, und es hat schon gar nichts, was das Erfinden solcher Worte wie Grazie oder Anmut zwingend nötig gemacht hätte. Aber gerade der Mann, der zu schlendern versucht, der also seinen Funktionalgang vorsätzlich zum Herumlatschen abbremst, produziert Fortbewegungsarten, die seit dem täppischen Abgang des Australopithecus von diesem Planeten als eliminiert galten. Wenn er beschwingt eine Treppe abwärts schlingert, wenn seine Füße dabei in alle Richtungen schnellen, als würden aufgescheuchte Frösche in den Socken sitzen; wenn frenetisches Flattern der Hose den debilen Step begleitet und das ganze unkoordinierte Chaos deutlich macht, warum der Physik gar nichts anderes übrig bleibt als die Auflösung des klassischen Materiebegriffes, dann wird evident, daß Treppen dazu da sind, die Frau herabsteigen zu lassen aus den objektiven Himmeln ihrer Weiblichkeit. Keine Treppe bringt die Frau aus ihrem Ur-Rhythmus, dem welttragenden, der aus dem Becken kommt, dem Klangkörper des All-Tons. Wenn die Frau einen Zank damit beendet, daß sie auf dem Absatz kehrt macht, ist ihr Gang Bestimmtheit selbst, autonom und zwingend, einen Stolz diktierend, der aus Königen Kretins, aus Prälaten Pöbel und aus Städten Sandgekrümel macht. Dem Mann fehlt diese Fähigkeit: sich mit jedem Schritt zu buchstabieren. Man weiß nicht, ob er gerade zum Martyrium unterwegs ist oder zur Bushaltestelle. Geht er die Welt retten oder ins Büro? Kein Unterschied.
Der Gang der Frau ist das ewige Weitertanzen Salomes, die niemals zu versklavende Geschmeidigkeit der Artemis, der kreisende Schoß der Astarte, der Trotz der Jeanne d'Arc vor ihren Richtern, der unbeirrbare Gang durch die Geschichte mit jenem Hauch von Überlegenheit, an den zehntausend Jahre Unterdrückung nicht reichen - das für immer Unberührbare. Die Frau geht voller Eleganz durch einen Hurrikan und mit Würde aufs Schafott, ihr Gehen ist die ewige Bewegung um einen Schöpfungspunkt herum, der Schreitzyklus ihrer Schenkel ist wie der elektromagnetische Atem des Universums, und wenn ihr Gang von jener Art ist, daß es einem Mann die Augäpfel zu sprengen droht, dann handelt es sich nicht um etwas Künstliches, sondern um Natürliches als Kunst. Alles andere bildet ihr Spalier: der Gang der Frau ist jederzeit ein Kommen, auch wenn es nur ein Gehen ist.
Es war der 24. November. Aljoscha überquerte die Kreuzung am Damtorsk-Bahnhof und bog in die Allee ein, die zum Universitäts-Hauptgebäude führte. Ein Schwarm nachdenklicher Vögel zog über ihn hinweg. Er näherte sich den Mysterienkulten, und das Mysterium näherte sich ihm.
SHE'S WALKING DOWN THE STREETS
SIE kam ihm entgegen unter den schwarzen Gerippen der Bäume. Er war wie vom Wetter gerührt. Es war doch erst Montag! Es war erst gottverdammter Montag! SIE,
BLIND TO EVERY EYE SHE MEETS
zunächst nur ein Schemen in der Ferne, eine Luftspiegelung in der Wüste, dann jedoch eindeutig offenbart durch IHREN Gang, SIE kam auf ihn zu wie des Henkers schöne Tochter, unbeirrbar, ohne Hast,
SHE HOLDS HER HEAD SO HIGH
IHRE Ledertasche mit beiden Armen an sich drückend wie eine Magd den Apfelkorb oder eine Hexenkönigin den Kater, die fünf Töchter der Gnade im schwarzen Handschuh. Weil der Schwung der Arme entfiel, wirkte SIE
LIKE A STATUE IN THE SKY
noch zurückhaltender, noch unerschütterlicher, noch mehr in sich gekehrt als sonst; IHR Gang wurde dadurch nur noch aufsehenerregender. SIE vollzog eine gelassene Tortur an jedem, der SIE beobachtete, und allein die Art, wie SIE sich bewegte, brachte klar zum Ausdruck, wie das Getriebe der Welt für SIE keinerlei Konkretheit annehmen konnte, wie extravagant die Vorstellungen sein mußten, denen diese Frau sich hingab. Oder war es ein Schmerz, zu tief, um Außenwelt zu dulden? SIE ging wie eine Frau, die abzuwarten wußte, den Blick gesenkt, vornehm wie eine Pfingstrose am Mittag, schlank wie eine der Lamien.




DER ALTE MANN. Was war das eben für ein Fauchen, junger Mann? Hörte sich an wie eine Raubkatze... wenngleich sehr weiblich. Hast du es auch gehört, mein Sohn?
DER JUNGE MANN. Nein. Ich suche das Schwimmbecken.
DER ALTE MANN. Wohlgetan, wohlgetan!
DER JUNGE MANN. Aber wo finde ich es?
DER ALTE MANN. Das fragst du mich? Siehst du nicht, daß ich fast blind bin?
DER JUNGE MANN. Aber Sie haben mich eben einen jungen Mann genannt, aus einiger Entfernung!
DER ALTE MANN. Dazu muß ich dich nicht sehen. Verglichen mit mir ist ein junger Mann, wer keine Frau ist. Hm, das habe ich nett gesagt, oder? Auf ein hübsches Sprüchlein verstehe ich mich noch immer. Kleine Gelegenheitsarbeiten hier und da. Mit den Auftragswerken ist es ja nun nichts mehr.
DER JUNGE MANN. Und wer sind Sie überhaupt, wenn ich fragen darf?
DER ALTE MANN. Der alte Matthäus bin ich.
DER JUNGE MANN. Welcher alte Matthäus?
DER ALTE MANN. Na, der alte Matthäus. Matthäus der Evangelist! Was dachtest du? Matthäus der Pennbruder? Matthäus der Eckensteher? Auch Sokrates war ein Nichtseßhafter, verheiratet oder nicht! Und Diogenes, dieser Rumlungerer, dieser Tellerwäscher? Wir wollen doch nicht vergessen, daß Platon fast auf dem Sklavenmarkt verramscht worden wäre, was?
DER JUNGE MANN. Nein, nein.
DER ALTE MANN. Matthäus der Evangelist. Identisch oder auch nicht identisch mit einem der zwölf Apostel, bitte, die Herren Magister und Doktoren ziehen deswegen noch an ihren Bärten. Du kannst mich auch Levi nennen, wenn dir das Spaß macht, ich habe nichts dagegen. Levi auch nicht. Tja, hehe... ja. Man gewöhnt sich an diese Dinge.
DER JUNGE MANN. Ich glaube Ihnen kein Wort!
DER ALTE MANN. Wer bis zum Ende festbleibt, wird gerettet! - Ist von mir, dieses Diktum.
DER JUNGE MANN. Das kann jeder sagen.
DER ALTE MANN. Wer bis zum Ende festbleibt, wird gerettet!
DER JUNGE MANN. Meine Güte!
DER ALTE MANN. Erinnerst du dich denn nicht?
DER JUNGE MANN. An was?
DER ALTE MANN. Es ist dir entfallen! Du hast es vergessen, du Tropf!
DER JUNGE MANN. Was habe ich vergessen?
DER ALTE MANN. Wer bis zum Ende festbleibt, wird gerettet!
DER JUNGE MANN. Wie sollte ich es vergessen, wenn Sie es alle fünf Sekunden wiederholen!
DER ALTE MANN. Es ist dein Segensspruch, vorwitziges junges Blut! Da schreibt man den Schäfchen ein heiliges Wort ins Lebensbuch, aber kaum ist das weiße Hemd ausgezogen -
DER JUNGE MANN. Stimmt, jetzt erinnere ich mich... Matthäus 24, 13...
DER ALTE MANN. Ah! Aha! Brav, brav! Du hast also das Fauchen nicht gehört?
DER JUNGE MANN. Nein... aber sagen Sie, wovor muß ich denn gerettet werden?
DER ALTE MANN. Wie wovor?
DER JUNGE MANN. Nun, man muß doch vor etwas gerettet werden, nein?
DER ALTE MANN. So wie Bewußtsein immer Bewußtsein von etwas sein muß, he?
DER JUNGE MANN. Exakt!
DER ALTE MANN. Der alte Phänomenologen-Kniff. Gewiß, vom intentionalen Standpunkt aus betrachtet -
DER JUNGE MANN. Ich glaube, es war Husserl, der sagte -
DER ALTE MANN. Zum Teufel mit Husserl! Ich, äh... hm. Jedenfalls, weit weg mit ihm! Das kommt heraus bei diesen Sophistereien! Willst du mir mit Logik kommen, Bursche? Es geht um dein Seelenheil!
DER JUNGE MANN. Nach dem Jüngsten Gericht, meinen Sie?
DER ALTE MANN. Ach was, auch hier!
DER JUNGE MANN. Hier auf Erden?
DER ALTE MANN. Jawohl! Hier im Chambre séparée des Großen Baumeisters!
DER JUNGE MANN. Sie werden nicht mehr lang der alte Matthäus sein, wenn Sie weiter so mit dem Dogma 'rummodeln.
DER ALTE MANN. Überlaß das mir, Bengel! Dein Verstand hockt da wie eine Eule und dreht sich in alle Richtungen und sieht doch nichts! Hast du denn immer noch nicht begriffen, daß du allen Verstand fahren lassen mußt?
DER JUNGE MANN. Die zwei Groschen Verstand, die mir verblieben sind, auch noch stiften? Hat die Vorsehung denn kein Mitleid mit den wirklich Bedürftigen?
DER ALTE MANN. Wir wollen doch sachlich bleiben.
DER JUNGE MANN. Warum? Wir sind keine Sachen.
DER ALTE MANN. Ja, da fällt mir eine Geschichte ein - dieser Descartes, du weißt schon, der Philosoph Descartes, der große Descartes, ja! Oho! Sooo groß war er, der Herr Descartes! Hielt sich für was Besseres! Ich zweifele, also bin ich, was? Mhm, mhm, trag ruhig die lange Nase hoch, René Descartes! Bei der Gelegenheit... ich höre, du gibst dich dem Kartenspiel hin?
DER JUNGE MANN. Nur den Tarotkarten, manchmal.
DER ALTE MANN. Ach... na dann. Ich dachte schon.
DER JUNGE MANN. Was war nun mit Descartes?
DER ALTE MANN. Wie? Ah, der! Niemand hat ihn je vor dem Mittagessen gesehen, den großen Monsieur Descartes. Ging später zu Bett als Beelzebub und schlief bis zum Mittag. Glaubte wohl, bei Nacht lassen sich Weltbilder leichter auf den Kopf stellen! Wie dem auch sei. Die Königin von Schweden rief Descartes an ihren Hof. Da holte er sich Frostbeulen und mußte jeden Morgen im Dunkeln aufstehen. Und so starb er denn recht bald. Das war eine große Umstellung für ihn.
DER JUNGE MANN. Der Tod?
DER ALTE MANN. Schweden, du Strohkopf. Los, wir spielen Philosophenraten! (Kramt einen Zettel hervor und liest) Von wem ist das: "Wir verlangen nicht nach einer Sache, weil wir sie zuvor gesehen haben, sondern umgekehrt: weil wir schon vorher im tiefsten diese Art von Dingen vorgezogen haben, gehen wir mit unseren Sinnen in der Welt nach ihnen auf die Suche." Na?
DER JUNGE MANN. Das ist von Ortega y Gasset.
DER ALTE MANN. (Steckt den Zettel wieder ein) Hm. Viel Spaß macht das gerade nicht mit dir.
DER JUNGE MANN. Darf ich Sie etwas fragen, Vater?
DER ALTE MANN. Nur frei über die Leber gelaufen, Junge!
DER JUNGE MANN. Warum fürchtete das christliche Mittelalter die Katze so sehr?
DER ALTE MANN. Weil ihr Gebaren undurchsichtig ist. Weil man sie nicht besitzen kann. Und weil sie Laute des Wohlbehagens von sich gibt, wenn man sie streichelt, Sack Zement! (Erregt) Die Amazone des Verzichts greift sich das zuckende Wesen! Fesselndes Lächeln, Bedeutungsmadonna in Stiefeln, der Gnadenschnorrer findet Absatz! Nymphomane Göttin! Eine Frau, deren Neigungen ihn zu einem Gott machen! Ja! Nein! Werft den Prügelknaben ins Interim! Er soll verschmachten! Ich verhänge ein Embargo für alle Bindeglieder! Hokuspokus! (Sich fassend) Da du schon hier bist, junger Spund: was sind eigentlich Niedrigfreibeträge für Ehegattensplitting?
DER JUNGE MANN. Ich fürchte, Sie sind nicht ganz bei der Sache.
DER ALTE MANN. Oho! Jetzt soll ich wohl sachlich bleiben, was? Das kannst du haben, Sohn! Warum nicht gleich? Also zur Sache! Wir sind uns hier ganz zufällig (Hehech! Kch! Kch!) ganz zufällig begegnet, so wie sich manchmal zwei Blätter im selben Augenblick vom Baume lösen und zur Erde fallen... ich will dir Trost gewähren in der... in der... na...
DER JUNGE MANN. Not? Schwäche? Zwickmühle?
DER ALTE MANN. In der Interferenz. Ich will dir Trost gewähren in der Interferenz. Warum, Kleingläubiger, zweifelst du daran, daß alles, was sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort zuträgt, für dich geschieht?




DER RITTER DER KELCHE. Schuld ist ein hohles Wort. Ein extrem gewölbter Begriff. Bauchig geworden vor lauter hineingestopftem Sinn.
DER WEISE EREMIT. Schuld ist Schuld, im Norden wie im Süden, im Westen wie im Osten!
DER RITTER DER SCHEIBEN. Könnte es sich bei dem Stand, den wir betrachten, um eine vorübergehende Erscheinung handeln?
DER TEUFEL. Könnte es sich bei deinem Verstand um eine vorübergehende Erscheinung handeln?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Ich lasse mich nicht beleidigen, auch nicht vom Herrn Satan persönlich! Nennt mir Euren Sekundanten!
DER TEUFEL. Hm - Ozzy Osbourne?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Sehr witzig.
DER TEUFEL. Ach, hol dich der Teufel.
DER KÖNIG DER KELCHE. Hört mich an, bei der Asche Gogols! Kein Geschehen ist ohne Bedeutung, oder stimmt das etwa nicht? Hat schon alles seinen Sinn, ja, das kann man sagen! Das Geschehen, das ist wie ein - wie ein - Glas mit Wodka! Es wäre schlecht bestellt um die Bedeutungen, wenn sie nicht schon drin wären im Geschehen, wie Wodka im Glas! Ich meine, wo sollten sie sonst hin, die Bedeutungen?
DER TEUFEL. Ist ein Doktor anwesend? Rasch, wir haben einen Notfall hier!
DER KÖNIG DER KELCHE. Wie soll einer die Bedeutung des Geschehens erkennen, wenn es kein Geschehen gibt? Ich bin für weiteres Geschehen, bis man die Bedeutung trinken kann! Sehen kann, 'zeihung.
DIE LUST. Ja! Ja! Ich will, daß es geschieht! Das Geschehen soll geschehen! Immer!
DER WEISE EREMIT. Nur über meine Leiche!
DER TOD. (Aufwachend) Pardon?
DER NARR. (Klatscht Beifall) Das ist ein Wort! Ein gutes Wort! Das ist das beste Wort! Das erste Wort! (spricht leise vor sich hin, mit verschiedenen Betonungen) Pardon? Pardon! Pardon...
DIE PRINZESSIN DER STÄBE. Geschehen muß sein. Wovon sollte man sich als Eremit sonst abwenden?
DER WEISE EREMIT. Ein solcher Hang zum Fatalismus kann nur von Übel sein!
DIE HERRSCHERIN. Niemand sprach von Fatalismus hier.
DER WEISE EREMIT. Aber man kann den Dingen nicht einfach ihren Lauf lassen!
DAS SCHICKSAL. Ach! Seit wann denn nicht?
DIE HERRSCHERIN. Der Vorwurf des Fatalismus kann leicht auf den zurückfallen, der nie das Fatum führen wird, weil er den Tanz verweigert.
DER WEISE EREMIT. Nichthaften am Schein ist kein Fatalismus!
DER TEUFEL. (Zur Prinzessin der Kelche) Zu dir oder zu mir? Ich zeig dir meine Sündersammlung, und ich mach uns schnell was Italienisches! Rigoletto, Quattrocento, Settembrini - was du willst...
DAS SCHICKSAL. Wenn ich es recht verstehe, wird hier die Möglichkeit erwogen, daß ich mich irren könnte?
DIE HERRSCHERIN. Wir sprechen von der Freiheit derer, die Ihr umschlungen haltet, Gnädigste. An Notwendigkeit ist niemals Mangel, wohl aber am Willen Eurer Tanzpartner, sie zu erfüllen oder zu korrigieren.
DER TEUFEL. Freiheit, Notwendigkeit, geht das wieder los! Wollen wir jetzt wieder am alten Fifty-Fifty-Handel 'rumschachern, oder wie sehe ich die Schießbude hier?
DER WEISE EREMIT. Vielleicht kommen wir einmal auf deine Rolle in dieser Angelegenheit zu sprechen, Satanas!
DER TEUFEL. Ich bin erfüllt von der ruhigen Heiterkeit des Nichteingreifens. Ich wasche meine Hände in Unschuld.
DER NARR. Hände?
DER TEUFEL. Schon gut, nur eine Metapher.
DER WEISE EREMIT. Du willst uns weismachen, unbeteiligt zu sein an diesem Fall? War es nicht die Königin der Scheiben, die dazu erpreßt wurde, das Erscheinen dieser... dieser Katzenmenschenfrau zu symbolisieren? Wir alle wissen, daß die Königin der Scheiben den größten Teil des Zeichens Steinbock dominiert!
DER TEUFEL. Na und?
DER WEISE EREMIT. Das ist auch dein Zeichen!
DER TEUFEL. Ein Bubenstreich! Vertempfung! Niedertruckung!
DER WEISE EREMIT. Erspare uns den Mummenschanz! Ich warne dich: zieh diesen Geist von seinem Urquell ab, und du bekommst es mit mir zu tun!
DER TEUFEL. Hör mal, jetzt hab ich aber die Nase voll!
DER NARR. Nase?
DER TEUFEL. Die Nüstern! Voll des Schleimes, wie er mir unweigerlich quillt bei dem griebenfettwurstigen, krötenblasigen, schwiemelköpfigen Geschwätz von Gevatter Mopsig da, puah! (Speit)



Ob IHR das Gedränge keinen Ausweg ließ, oder ob SIE sich dazu entschloß, jedenfalls blieb SIE ganz nah bei ihm, als hätte er ein Anrecht auf das berauschende Gefühl dieser Nähe, auf den Reiz, der darin lag, daß SIE vor aller Augen eine Art von Zugehörigkeit vorspielte, andererseits aber nur sie beide wußten, was hier vor sich ging. Für diesen exklusiv exhibitionistischen Akt drehte SIE ihm, natürlich, den Rücken zu, und trotzdem war es, als würde er durch ein Schlüsselloch schauen, und als würde SIE es wünschen, ihn auf diese Weise zum Voyeur zu machen. Für eine kostbare Minute exquisiter Martern lud SIE seinen Blick ein, in IHR Haar zu tauchen und sich von den Wellenlinien jeder Strähne mitreißen zu lassen; dann, wenn SIE den Kopf ein wenig drehte, die Länge IHRER Wimpern zu studieren, während IHR Parfum ihm die Sinne verwirrte, Dufthauch einer prächtigen Blüte, die sich für einen luxuriösen Exzeß zur Schau stellt. Dann, als sich an einer Trennwand vis-à-vis ein Platz zum Stehen bot, nahm SIE diesen mit einer raschen und geschmeidigen Bewegung ein; es war unmöglich, zumindest für Aljoscha, dabei nicht an den lautlosen, waagrechten Sprung eines todsicheren Panthers zu denken. SIE warf herrisch den Kopf in den Nacken, schien einen scharfen, seltsam befriedigt wirkenden Atemzug zu tun und sah ihn kurz und beunruhigend an. Zum ersten Mal standen sie von Angesicht zu Angesicht.
Auge in Auge.




Aber Caves Herzeleid galt einer Mary, und damit hatte es dem Weh Aljoschas eins voraus: es konnte auf einen Namen bluten. Aljoscha sah aus dem Fenster und hatte keinen Namen. Er hatte, wie jedes Mal, wenn SIE gegangen war, Angst, SIE nie mehr wiederzusehen. Er hatte, wie jedes Mal, wenn SIE gegangen war, ein Ich, das nur noch aus Höllenschmerz bestand, weil das, was SIE ihm hinterließ, mit Eisenzangen sein Geständnis forderte. Er hatte, wie jedes Mal, wenn SIE gegangen war, leere Augenhöhlen, die sich erst nach und nach wieder mit Augapfel und Sehkraft füllten.




Seltsam; aber tatsächlich erlebte er diesen Zustand jetzt zum ersten Mal. Er kannte diese Verfassung bisher nur als Idee. Mit Leda, als diese Gewalt ihn hätte schütteln müssen, dieser Schlag ihn hätte treffen sollen, war er wohl zu jung gewesen, und später, wenn sie wieder zum Blühen gebracht hatten, was schon verwelkt schien, war Glück eher wie aus blauer apollinischer Ferne über ihn gekommen. Die Erregung, die jetzt von ihm Besitz ergriff, war anders, unvorstellbar anders.
Könnte man unsichtbar werden wie Ariel, der Luftgeist, um zu spionieren! Einmal nur sich umschauen in den Gemächern, die SIE bewohnte! Zwei oder drei Geheimnisse IHRES Lebens, um wenigstens die Nervosität ein wenig zu lindern! Bevorzugte SIE Kirschen oder Erdbeeren? Rosen oder Lilien? Paris im Frühling oder London nach Mitternacht? Sacher-Masoch oder den Marquis de Sade? Opium oder Shalimar? Trank SIE den Tee mit Zucker oder nicht? Liebte sie vielleicht nur Frauen? Welches war der Spiegel, vor dem SIE IHRE Strumpfnaht richtete? Was bedeuteten die Bilder, die an den Wänden hingen? Erschienen jede Nacht dieselben Silhouetten vor dem Fenster? War Zeit ein Schwindel hier, im Schein von 13 Kerzen? Träumte SIE zuweilen, daß eine dieser Türen in unterirdische Verliese führte?
Hier, wo SIE aus IHREM langen, schweren Wintermantel glitt, in den gehüllt SIE auf den Straßen die Blicke der Verstohlenen mit eisiger Mißachtung strafte. Hier, wo IHR in einem schwarzen Universum milchig weißes Licht huldigend entgegenströmte. Hier, wo IHRE geschlossenen Lider erzitterten, wenn die Wesen in den unterirdischen Verliesen brüllten.




Den dritten Kopf nannte Pjotr Der Tod. Der Knochenmann fiedelt nicht, wie etwa Böcklin meinte. Er spielt Mundharmonika. Wie in "The Carny" von Nick Cave. Die Mundharmonika gleicht verblüffend dem erstarrten Grinsen von Gevatter Schnitter. Jeder spielt das Lied vom Tod. Der Tod lebt mit, von Anfang an. Die Anstrengungen, ihm aus dem Weg zu gehen, sind so nutzlos wie beträchtlich. Jenseits? Auferstehung? Der Tod lacht viereckig. Jeder Sensenmann amüsiert sich mit seinem lebenden Pendant, immer im Hintergrund, ganz diskret. Wir sind seine menschliche Seite. Tod ist die Rückseite der Rückseite. Nicht zu erreichen, aber konstitutiv. Wer sich mit seinem dunklen Begleiter in Verbindung setzt, versinkt plötzlich im Ticken der Wanduhr, im Klang gegebener Zeit. Unter gewissen Voraussetzungen setzt Freund Hein die Zwiesprache fort. Rauschen aller Art. Verfremdete Stimmen bei gestörten Übertragungen aus dem Radio. Glöckchen. Summen eingeschlossener Insekten. Plötzliche Lücken in Geräusch und Klang. So schärft er das Empfinden für die tiefe Gegenwart des Augenblicks, für die Pflicht, mit jeder Minute entweder Frieden zu machen oder mit jeder Minute Krieg zu führen. Das Leben duldet keinen Aufschub. Vor allen ins Später verlegten Hoffnungen blitzt die Sense auf, allzeit mähend, wo Nichtsahnen trügt. Der Schwarze! Er macht die größte Angst. Er gibt den größten Mut. Er sagt: wir spielen um deine Träume, du und ich. Er sagt: geh es machen oder geh verloren. Haben wir ihn einmal standfest gegrüßt, ist das zweite Mal nur noch pro forma. Und dazwischen liegt der Effekt seiner Großzügigkeit, das Leben.




"Was muß ich tun?"
"Immer schön früh aufstehen... keine Nachtwachen mehr halten."
"Ich sehe nachts einfach klarer."
"Unsinn. Und wenn du etwas von mir willst, ich schlafe nachts, du kennst mich."
"Das hört dann auch auf!"
"Und diese laute Trümmermusik! Diese Einstürzenden Musikhallen, oder wie die heißen."
"Neubauten."
"Da kann ein kleines Kind nicht gedeihen! Es muß auch mal Mozart hören!"
"Das Beste, was man im Leben finden kann, ist große Kunst. Das kann ein Kind gar nicht früh genug lernen."
"Das Beste ist große Kunst? Na hör mal!"
Unten im Schnee fielen zwei Männer übereinander. Einer rief mit schwerer Zunge herauf: "Ist da oben die Boris-N-Nikutin-Party?"
"Nein, hier oben ist die Yuri-Bloch-Party!" rief Aljoscha zurück.
"Aaaah!" rief der Mann. "Aaaah!" Als hätte er gerade einen neuen Planeten entdeckt, von da unten aus. "Aaaah, ahrg!"
"Was soll das überhaupt sein, Trümmermusik? Du hast da nicht den richtigen - "
Leda küßte ihn. "Ich bin glücklich mit dir", sagte sie.
Seine Hand berührte ihre kalte Wange; sie neigte ihren Kopf ein wenig, wie um sich ganz in diese Hand zu geben. "Weißt du noch, wie ich mal bei Sonja war und diesen Satz geträumt hatte: Katzen sind System -?"
Aljoscha zog seine Hand zurück. "Wie kommst du denn jetzt darauf?"
"Ich weiß nicht. Es fiel mir gerade ein."
Aljoscha betrachtete die Paare, die da unten durch den Schnee stampften. "Mir ist noch nicht aufgefallen, daß Katzen besonders systematisch wären", sagte er.
"Doch, eigentlich schon", meinte Leda. "Katzen haben so komische Rituale."
"Was soll denn daran komisch sein?" Aljoscha war selbst irritiert vom unnötig unwirschen Tonfall seiner Antwort. Leda zuckte nur die Schultern.
"Vielleicht müssen wir gar nicht zusammen wohnen", sagte sie.




Plötzlich stand SIE in Aljoschas Zimmer, den Blick voller Besitznahme, in den Mundwinkeln saturnisches Wissen um Notwendigkeit.
IT'S BEEN SO LONG
SIE bestieg das Bett am Fußende und bewegte sich an seinem Leib empor, bis sich IHR Schoß an seinen Lenden rieb. Seine Hand berührte IHRE bleiche Wange; SIE neigte IHREN Kopf, wie um sich ganz in diese Hand zu geben. Unendlich langsam teilten sich IHRE Lippen - seinen Finger zwischen IHREN Zähnen warf SIE den Kopf hin und her, als sollten Tiersehnen reißen. Unter schneeweißer Haut floß das Blut, das er begehrte. Das Blut seiner schneeweißen Braut. Das Blut auf schneeweißer Haut. Er küßte SIE, als müßte SIE untergehen darin. Er umschlang den Leib der Katzenfrau. SIE wisperte Fetzen aus vergessenen Texten, IHRE Augen wichen zurück in uralte Zeit, flammten dann wieder auf mit Orientierung - SIE wand sich und schrie, wie gefoltert mit liebender Seele im fließenden Austausch von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, er drang in SIE, willens zu sterben an IHR, hielt still mit IHR
YOU WOULDN'T BELIEVE WHAT I'VE BEEN THROUGH
im gestillten Heimweh, fühlte, wie IHR femininer Strom ihn härtete und spannte, wie SIE ihn fester hielt, Striemen auf seinen Rücken zeichnete - dann setzten elektrostatische Veränderungen ein, IHRE Haut schien sich aufzuladen - SIE stieß undeutliche Laute hervor, durchströmt, aufgelöst in Glut und Aufruhr, wie von einer unbezwinglichen Macht geschüttelt, SIE keuchte bald "Nicht! ... Nein! ... Nicht!", bald das Gegenteil, während in die Schwingungen IHRER Stimme Modulationen kamen, die nicht menschlich klangen - über IHRE Epidermis liefen jetzt hochfrequente Entladungen, Schocks versetzend, etwas schien sich zu wandeln in jeder einzelnen Körperzelle, und ein fremdartiges Lebensfeuer war dabei, IHRE Innenwärme exorbitant zu erhöhen - Atem so heiß, als wäre Feuerqual im Innern - das Augenlid, die temperaturempfindlichste Stelle, schien zu schmelzen, und aus den Tiefen der Augen wollte etwas zum Vorschein kommen - aus der Spannung IHRES ganzen Zustands wurde Gefügeveränderung, IHR Stöhnen war jetzt polyphon, Aljoscha tauchte durch Kaskaden psychischer Energie - es lag keine Bedeutung mehr in Begrenzungen wie dem knöchernen Gitter des Brustkorbs - Umwandlung als Anpassung an besondere Bedingungen - Verfeinerung der Materie - hypertrophe Erzeugung mechanischer Energie durch übermäßigen Gestaltwandel der kontraktiven Eiweißmoleküle in den Muskelzellen - Metamorphose. IHR Körper wurde unkörperlich im Augenblick höchster Verschmelzung, wurde Seele, bloßes Kraftfeld, machte aus Aljoscha einen Energietrabanten, und dann - war Fauchen, wo vorher Atem war. Einen Moment lang: erstaunte Stille. Dann eine Bewegung. Anders, unvorstellbar anders.




Es gibt Kräuter, die im Mondlicht strahlen. Es gibt Wesen, die sich geheimhalten. Mädchen, die in der Wüste ertrinken können. Mädchen, die immer damit rechnen, daß man sie von hohen Türmen werfen wird, so wie es im Mittelalter die Meute manchmal mit Katzen tat. Mädchen, die es im Betriebsklima der Welt nicht aushalten und sich zurückziehen an die Peripherien. Wissend, daß man ihresgleichen entweder als zu heimlichtuerisch oder als zu exhibitionistisch verurteilt. Fürchtend, daß man ihnen Böses will, weil sie irritierenden Gesetzen folgen. Oder sich selbst Gesetz sind. Weil sie mit kaltem Blick und unbeirrbarer Präzision dort etwas beobachten, wo andere ums Verrecken nicht das Mindeste erkennen. Weil sich ihre einzelgängerische Eleganz so wenig um Bewunderer kümmert, daß man glaubt, sie halten sich für unsichtbar. Weil sie zu erröten wissen, während sie Verruchtheiten hüten, vor denen jede Schamlose erblassen müßte. Frauen, deren Blick die Nacht durchdringt und die Umrisse des Unsichtbaren kennt. Ich weiß jetzt, was diese Frauen tun.
Bei Tag erschrecken sie mit dem harten, despotischen Geräusch ihrer hohen Absätze, um zu verbergen, daß sie nachts mit unhörbaren Schritten geheime Muster auf den Boden zeichnen, Zauberkreise, Strahlenfelder; daß sie eine andere Gestalt annehmen, lautlos und geschmeidig durch die Gassen huschen und einem unergründlichen Instinkt folgen: dorthin, wo sie ein vertrautes Fluidum ahnen. Ich weiß jetzt, was der Spürsinn einer solchen Katze tut.
Der Spürsinn einer solchen Katze nimmt Quartier bei einem, dem sie sich verwandt weiß. Sie hat seine verborgensten Neigungen erkannt und macht sich selbst zu ihrem Anreiz. Ihre Nähe verändert seine fünf, sechs, sieben Sinne. Er durchquert vergessene Regionen, versunkene Domänen; immer deutlicher sieht er die Welt, in der sie nach ihm sucht. Bis er weiß: wenn er ihr endlich begegnet, ist er ihr schon einmal begegnet.
Das ist, was die Mädchen tun, die sich verstecken vor den Katzenhassern.




Pferdeschädel, die auf Pflöcken stecken. Eine heidnische Opferstätte, der Himmel blutrot. Das Ende einer Frühlingsnacht im Herzen Rußlands. Der Sterndeuter hält die Arme ausgestreckt. Einige wollen fliehen aus dem Kreis, aber man kann nicht fliehen vor dem Schauerlichen. Die Stille kommt aus dem Schlund des Unsichtbaren.
Vielleicht die Nacht eines 28. April, vor über tausend Jahren. Die Mönche aus dem Westen fänden hier nur Götzenbilder, aber noch hat keiner einen Fuß gesetzt auf diese düstere Erde. Wintertodesstarre liegt noch auf dem Land, die Hunde knurren, Rauch steigt auf. Brennende Augen in Erwartung der Zeichen, die latente Panik der Bewegungen wird langsam zu panischer Lust. Ein unheimlicher Vogelschrei. Zitternde Mädchen in einem mystischen Reigen. Dann plötzlich bricht der Himmel auf. Das Ritual beginnt.




Tumultuarischer als das Chaos vor Kap Hoorn, wo zwei Ozeane aufeinandertreffen, ist das Aufeinandertreffen zweier Blicke, deren Schärfe alle Schichten des Gelebten durchtrennt und vordringt in den Sitz der Vorstellungskraft. Einsicht nehmend in den eigenen Grund riskieren zwei Seelen den Augenblick der unendlichen Spiegelung, der einen Korridor öffnet für die Zukunft, die aus der Vergangenheit kommt, und für die Gegenwart, die aus der Zukunft kommt. Wo dieser Korridor sich öffnet, da werden Schemen zu Gestalt, da deuten sich Bedeutungen von selbst, da gibt es ein Meer von Stimmen, die in flüsternden Wellen hin und her fluten und heimlich geteilte Gedanken hinterlassen. Ein jeder der Traum eines anderen, als wären wir nur Geburten der Sehnsucht.




Als Goethe einmal bei Schiller hereinschaut, führt Charlotte, die Gemahlin Schillers, den Geheimrat in die Studier- und Schreibstube des noch Abwesenden. Goethe geht ein bißchen auf und ab, summt eine west-östliche Melodei, blickt aus dem Fenster und denkt: das Leben wird Herder. Manchmal möchte man einen Klopstock nehmen und alles zerschlegeln. Mein Weib ist auch schon ganz entrückert. Aber man darf sich keinem Lutherleben hingeben. Etwas höchst Inkommodierendes beginnt jedoch seine aufgeräumte Stimmung zu beeinträchtigen. Er sieht sich um in Schillers Zimmer, mit wachsendem Verdruß. Etwas stimmt hier ganz und gar nicht. Immer indignierter zupft er am Jabot. Was riecht denn hier so fatal? Donner und Doria! Wahrhaftig kaum auszuhalten. Als würde etwas dekomponieren hier. Ei wie! Der Weimarer Riese wankt, ihn schwindelt, eine Ohnmacht droht ihn zu erfassen, seine Hand tastet nach Halt. Endlich findet er das Zentrum des Übels. Er öffnet eine Lade von Schillers Schreibtisch. Sie ist voller verfaulter Äpfel.
Charlotte klärt den Fassungslosen auf: Schiller benötige den Geruch bei der Arbeit. Es habe einen wohltuenden Effekt auf ihn. Es fördere seine Inspiration.
Die gelassene Loyalität, mit der Charlotte den bizarren Fund erklärt, darin liegt das Wunder der Bedingungslosigkeit. Leda und er hatten wohl nie daran geglaubt, daß man mit den faulen Äpfeln in der Schublade des anderen glücklich werden kann.
Nur eines schützt die Liebe vor Vergeblichkeit: Egoismus. Egoismus nämlich, der dem Ego des geliebten Wesens gilt. Ich-Kult mit dem anderen Ich. Die doppelte Ego-Sucht, die aus Liebenden ein Wesen macht, ein Wesen mit zwei unabhängig operierenden Zentren, ein Wesen, das Stärken und Schwächen hat wie jedes andere Wesen und doch wie niemand sonst - das war das einzige. Alles andere war nur Surrogat. Bedingungslos zu lieben, bedingungslos geliebt zu werden: heißt das etwa, daß man sich alle möglichen Nachlässigkeiten gönnen darf? Im Gegenteil: Nachlässigkeit ist schon das Ende der Bedingungslosigkeit. Aber die faulen Äpfel in der Schublade waren keine Nachlässigkeit Schillers. Sie waren Schiller.




Den sechsten Kopf nannte Pjotr Die Sphinx. Sie versteht zu fesseln; du läßt dich fesseln, um zu verstehen. Sie weiß dich zu treiben; du läßt dich treiben, um zu wissen. Sie sieht dich leiden; du leidest, um zu sehen. Sie verspricht das Leben; du lebst ein Versprechen. Sie läßt dich Pirouetten drehen, deine Gedanken tanzen Polonaisen, bei Nacht wirst du vor ihrer Silhouette stehen und flehen um das Wesen, das Wesen aller Dinge, du bist das Wesen in der Schlinge, allein im All, im Theater des Absurden sprichst du lange Monologe, und noch im Tal der Königin trachtest du nach Sinn... sie schlägt die Augen auf. Ihr Blick fordert heraus. Herein. Herauf. Hervor. Sei achtsam, wie du vor sie trittst. Sie bindet dich durch Zauber fest. Sie ist die Verachtung deiner kleinlichen Motive und deiner Taschenspielertricks. Und vielleicht die erhabene, alles überdauernde Traurigkeit, die der Verachtung folgt. Unter dem Sichelmond zieht selbst der Tod den Hut vor ihr. Sie erlöst vom Zeitverlust des Falschgedachten. Sie impft das Tun des Ungeheuerlichen mit Selbstverständlichkeit. Sie ist der Permanentmagnet aller Transformation, sie verlangt den Sprung über die Selbstsucht hinaus. Sie schlürft dich aus der Schale des Dir-Innewohnens, sie ist die Herrscherin der Korridore: des Gedankengangs, der Blutbahn, des Gerichtetseins, des Willens, des Rückenmarkkanals mit seiner Schlange, des Samenstrangs, des Wunsches nach Verschmelzung. Sie geleitet dich ins Mehr-als-ich. Mit ihr das begrenzte Universum ausschöpfen! Nichts ist höher, als ihr Freund zu sein. Beuge dich vor ihr, solange du ein Rückgrat hast. Löse das Rätsel. Finde das Wort. Sei würdig.




Die abgründigen Augen! Im Dunkel wohl leuchtend und die Farbe wechselnd bei Schwarzmond. Um das linke Handgelenk trug SIE einen breiten Reif aus Silber, der an eine Haremssklavin denken ließ und mit seinen Ornamenten und Gravuren ebenso archaisch wirkte wie IHR schweres Ohrgehänge, das sich jetzt an den sorgfältig gebundenen Schal legte. Sicher wiesen die Gravuren SIE als Dienerin der Bastet aus, der katzengleichen Herrin von Heliopolis und Gespielin der löwenköpfigen Herrin von Leontopolis. Sicher war die Sonne für SIE nur die Barke der Millionen Jahre. Sicher war SIE keine Projektion psychischer Energie. Aber sicher war SIE die Körperwerdung einer Vision.
Die Metro hatte Dobropol erreicht. SIE stieg aus. Ein Hund bellte. Aljoscha schaute auf den Bahnsteig. Der schmutzige Schnee begann zu tauen. Die blecherne Stimme schallte aus dem Lautsprecher: Zurückbleiben bitte. Eine andere Stimme sagte: Jetzt mußt du brennen in deiner Furcht. Und dann war Aljoscha plötzlich draußen. Vorbei am Hüter der Schwelle. Mit den Schuhen im Schnee wie Petruschka beim Trommelwirbel. Herausgetreten. Aus der Metro und aus sich. Der Mensch bestand nicht aus unendlich vielen Atomen. Aljoscha hatte sie soeben alle gezählt.
Seine Tat war einsam, wie jede Tat. Er lief ein paar Schritte, dann ging er hinter IHR her, wenige Sekunden, in denen die flüchtige Impression des Kontrastes zwischen dem Kupferrot IHRER Haare und dem Grün IHRES Mantels vorherrschte, Sekunden, in denen er die empörte Reaktion auf einen Wegelagerer voraussah und in denen es nicht genug Luft zum Luftholen gab.



Alle Texte © Christian Erdmann
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